Mi, 18.5.2016 • Tag 12: Donegal  ➟  Derry


"Beim Übernachten auf einem Parkplatz ist es wie bei einem Banküberfall.
Man muß sich vorher klarmachen, wie man hinterher wieder wegkommt"

- Deutscher Freiheitscamper, 2016



Es ist der 18. Mittwoch. Ich habe um kurz nach neun meinen Platz in Donegal geräumt und bin jetzt auf dem Weg in Richtung Slieve League.

Ich hatte eben auf der N56 eine Stelle, auf der es sehr gut ausgebaut war. Und schlagartig hast du wieder so eine Buckelpiste. Um jetzt wieder an einer Stelle zu sein, die sehr gut ausgebaut ist.

Was hier sehr auffällt ist, daß man sein Auto gerne auch mal in den Weg stellt, um irgendwas zu besorgen, da man auf der Insel auch auf der linken und der rechten Straßenseite in beiden Richtungen stehen darf.

Und da kann es sein, daß ich - so wie gestern - auf eine Haltelinie mit einem Stoppschild zu fahre, kann da aber gar nicht stehen weil dort ein Auto parkt. Und zwar in meine Richtung. In Donegal war's auch so, daß dort irgendwo Autos auf der Straße stehen.

Und was einem manchmal die Haare zu Berge stehen lässt ist, daß manchmal Autos aus einer Ausfahrt raus fahren, obwohl andere Autos mit hoher Geschwindigkeit ankommen und viele der Kollegen fahren hier auch ihre 100 Km/h.

Dann kommt irgendwo ein Auto den Berg runter und unten ist eine Ausfahrt und da fährt einer raus. Und der, der den Berg runter kommt, muss erst einmal volles Rohr in die Eisen.

Ich dachte bislang immer, das gäbe es nur in Russland auf den Armaturenbrettkameravideos, die ich bei YouTube abonniert habe. Wo man immer denkt: "Meine Güte, was sind das denn für Vollidioten, daß die solche Aktionen bringen?". Aber so etwas sieht man hier auch. Sehr häufig, ehrlich gesagt.

Dafür manchmal aber auch das absolut gegenteilige Extrem. Daß man sich nicht traut, zu fahren, obwohl alles frei ist und ich da schon dreimal rausgefahren wäre.

Und auch dieses nicht über die weiße Mittellinie fahren, obwohl der Vordermann schon ganz links am Straßenrand fährt und sehr viel Platz zwischen ihm und der Mittellinie wäre.

Wo man nur mit einem Rad auf die Gegenseite müsste, auf der ebenfalls sehr viel Platz für den Gegenverkehr zum Ausweichen ist. Da wird lieber minutenlang hinter dem anderen Fahrzeug gewartet, bis garantiert kein Gegenverkehr mehr kommt. Um einen Kilometer später dann abzubiegen. Also manchmal sind da schon ein paar wilde Aktionen beim fahren dabei.



Dann gibt es echt so ein paar Unarten. Es gibt wenige Autos mit Tagfahrlicht. Und was auffällt ist, daß der Ire ein unglaublicher Blinkermuffel ist. Da hält ein Auto an und man hat überhaupt keine Ahnung, was der vorhat. Dann biegt der plötzlich ab oder fährt links ran.

Dann schaffen sie es auch bei den Baustellen Schilder stehen zu lassen. Von wegen da ist so ein Männchen drauf mit Flagge und 50 fahren wegen Baustelle und dann kommt man da hin, aber da ist keine Baustelle mehr, nur noch die Schilder. Das machen sie auch sehr gerne. Und selbst wenn dort eine Baustelle ist, ist es dort arbeitstechnisch auch nicht anders, als wenn dort keine Baustelle wäre.

Ich hörte gerade von einer italienischen Autobahn, an der seit 50 Jahren gebaut und die nie fertig wird, weil dort mafiöse Strukturen dahinter stecken und es niemandem helfen würde, wenn diese Autobahn wirklich fertig gebaut wäre. Dann könnte man damit kein Geld mehr verdienen. Und auch hier in Irland hat man häufig das Gefühl, daß hier jahrelang an irgendetwas rumgebaut wird.

Und zwar immer stückweise. Da gibt es Stellen, die sind teilweise perfekt ausgebaut. Um danach in eine Spur zu kommen, die dermaßen eng und rumpelig ist. Und man fragen möchte: "Warum habt ihr die nächsten Kilometer nicht auch gleich mitgemacht?"

Es gibt ja diese britischen oder irischen Asphaltierer, die einen fragen, ob sie einem die Auffahrt asphaltieren sollen. Und wo das ganze Material von minderer Qualität ist. Wo dann alles bald wieder zerbröselt. Und wenn man sich die Straßen anschaut, kann man sich vorstellen, daß diese Geschäftsidee von hier stammen könnte.



Ich fahre gerade über den Oily River, den öligen Fluss. Und kurz vorher steht ein Schild, das auf den Holy Well verweist, den Heiligen Brunnen. Ich weiß ja nicht, ob ich aus diesem Brunnen Wasser haben möchte, wenn der Fluss schon so ölig ist. Na ja. Oder es ist heiliges Öl? Man weiß es nicht.



Slieve League Slieve League Slieve League Slieve League. Der Parkplatz wird langsam immer voller. Ich hatte gestern Abend noch das Auto etwas aufgeräumt. Heute kam ich dann überraschenderweise und unvermittelt an eine Kreuzung, über die ich nicht einfach so hätte rüberfahren können. Und das brachte dann meine Ordnung wieder etwas durcheinander.

Jetzt ist es Zeit, die Wandersocken anzuziehen und die Wanderschuhe und die Wanderjeans und die Nordfressejacke, von der ich gar nicht mal mehr wusste, daß ich sie mir gekauft hatte. Sie wird jetzt Premiere feiern und auf die erste Wanderung gehen. Ich hoffe, daß ich sie zubekommen werde. Sie war schon immer etwas enger. Und nach allem, was ich mir an Chips und sonstigem Zeug in den letzten Tagen reingezogen habe, dürfte sie noch enger geworden sein.



Vom Parkplatz aus kann man eine Schotterstraße entlanglaufen. Es gibt ein Tor. Ich denke, man könnte es als Autofahrer öffnen und durchfahren. Das scheinen auch einige zu tun. Ich glaube nicht, daß das hier alles Einheimische sind. Ist aber auch egal.

Ich bin so ein bis zwei Kilometer diese Straße entlang getigert. Es ist unfassbar windig. Meine Ohren tun unglaublich weh vom Wind. Ich muss wie blöde schniefen. Und ich schwitze in der Jacke wie doof.

Ich fand die Klippen hier jetzt nicht so spektakulär. Aber es ist ok, man kann das mal machen. Vielleicht bin ich aber auch nicht soooo weit gelaufen. Aber auf einer Karte war so ein Aussichtspunkt vermerkt und an dem war ich. Man kann ganz nette Fotos machen. Aber die megaspektakuläre Küste gab auf diesem Abschnitt nicht. Ich weiß nicht, was noch dahinter kommt. Ich bin dann umgedreht und wieder zurück zum Auto.

Es geht hier ziemlich rauf und runter, was ohne Kondition mit 150 Jahren und 44 Kilos nicht ganz einfach ist. Oder andersrum. Es geht schon ganz gut in die Beine. Zumindest für mich.

Ich huste noch immer von der Erkältung, die ich bereits viele Wochen vor Antritt des Urlaubes hatte. Außerdem hatte ich den Fehler gemacht, nur im T-Shirt bekleidet in den eisigen Wind an der Dursey Island Seilbahn auszusteigen.

Mein Problem ist, daß ich in allem sofort anfange, zu schwitzen, außer im T-Shirt. Und wenn man dann doch etwas Feuchtigkeit auf der Haut hat und in den kalten Wind geht erwischt es einen sofort wieder.

Der Illusion, während dieser Tour noch gesund zu werden, gebe ich mich nicht hin.



Gestern sah ich einen witzigen Aufkleber, auf dem stand "Not drunk - avoiding potholes", zu deutsch "Ich bin nicht betrunken - Ich versuche nur, Schlaglöchern auszuweichen".

Guter Aufkleber, den man auch gerade in Hamburg sehr gut verwenden kann.



Man findet hier sowohl Opel als auch Vauxhall. Ich glaube hier ist offiziell Opel-Land. Man sieht aber auch Vauxhalls, was ja die britische Variante des Opels ist und auch dort gebaut wird.

Wahrscheinlich stammen beide Marken aus dem selben Werk und werden dann in Irland als Opel verkauft. Während man in Großbritannien eigentlich nur Vauxhalls findet sind hier beide Varianten vertreten, wobei Vauxhall in einer leichten Mehrheit ist.



In vielen kleinen Ortschaften scheint es eigene Lotterien zu geben. Da stehen dann so Schilder rum mit neuntausendirgendwas Euro Jackpot. Oder hier mal 1000 €. Eben so als gebe es lokale Lotterien.



Und man findet dann auch schon mal vor einem Tank-Anhänger eine DHL-Zugmaschine.



Völlig unspektakulär fährt man dann bei Lifford auf einer Brücke über den River Mourne oder den River Foyle oder den River Finn, der hier südlich der Brücke als Grenzfluss zwischen der Republik Irland und Nordirland fungiert. Im Norden ist es der River Foyle für ein kurzes Stück. Jedenfalls fließen hier 3 Flüsse durch die Gegend. Und über einen davon fährt man halt.

Danach fährt man dann auf der A5. Und... steht erst einmal im Stau.



So, schon mal ein kleiner Eindruck. Natürlich steht erst einmal Londonderry dran und nicht mehr Derry wie in Irland. Und dann sind auch mal die Kantsteine entlang der Fußwege in rot, blau und weiß angemalt. Der Union Jack weht.

Und die Flagge von Nordirland. Obwohl ich eigentlich meinte, gelesen zu haben, daß es seit 1997 keine nordirische Flagge oder Wimpel mehr gibt.

Aber konnte man auf den Trikots der Nationalmannschaft nicht immer die nordirische Flagge sehen? Und auch wenn die Tabelle eingeblendet wurde? Die weiße Flagge mit dem roten Kreuz und der Hand darauf.



Derry, Kantsteine in britischen Farben Derry, doppelstöckige Brücke Derry, Freedom Bridge In einem der früheren Reiseberichte, die ich über Irland und Nordirland im Netz gefunden hatte, schrieb man über Derry/Londonderry und eine doppelstöckige Brücke, über die man aus der Stadt hinausfuhr.

Die habe ich mir natürlich herausgesucht weil ich dachte: "Schaust du dir das ganze mal an, ist ja nicht so weit weg vom Zentrum".

Und was ist? Ich komme in die Stadt und fahre eben über genau diese Brücke in die Stadt rein. Was schon einmal ein ganz schönes Erlebnis war.

Weniger schön war dann die Suche nach einem Parkplatz. Das hatte ich vorher auch schon einmal gehört. Es ist nicht so, daß es keine Parkplätze gäbe.

Sie sind zum Teil ziemlich voll. Allerdings sind sie mal wieder höhenbeschränkt. Und so langsam habe ich da echt mal 'nen Hals. Es sind 328 Parkplätze frei auf den Carparks.

Aber man kommt nicht drauf. Weil da so eine Barriere drüber ist. Warum man das macht? Ich habe keine Ahnung und ich verstehe es auch nicht. Weil das bedeutet, daß ich mit einem größeren Auto nicht parken und die Stadt besuchen kann.

Wenn ich irgendwann einmal in Deutschland nichts mehr zu verlieren habe werde ich mich mit einer Kettensäge aufmachen zu den britischen Inseln und diese beschissenen Dinger wegflexen. Oder vielleicht sollte ich dann besser eine Flex mitnehmen.

Wenn mich einer einbuchtet ist es auch egal, weil ich eh keinen Job mehr habe, den ich verlieren würde. Das könnte dann meine Lebensaufgabe werden. In jedem Fall werde ich die einmal anschreiben. Das geht mir so auf den Keks. Und ich würde gerne einmal eine Erklärung haben, warum das so ist.

Es wird einem ja auch keine Ausweichmöglichkeit gegeben. Da steht kein Schild, das einem sagt, wohin man sonst fahren könnte mit einem Wohnmobil. Da ist dann einfach die Höhenbarriere und Schilder, die einem zeigen, wo der nächste Carpark ist. Und wenn du dann da bist stehst du wieder vor einer Höhenbarriere.

Ich bin dann bei der Brücke bei dem Eisenbahnmuseum auf den Parkplatz gefahren. Dieser einst kostenfreie Platz war vor einem Monat ein "Pay&Display"-Parkplatz geworden. Das hätte ich auch gemacht, aber hier waren sämtliche Parkmöglichkeiten belegt.

Aber entlang der Straße war ein freier Parkplatz. Den habe ich genommen. Ich habe keinerlei Beschränkungen gesehen.

Das Problem bei einem "Pay&Display"-Parkplatz wäre, an englische Pfund zu kommen. Ich bräuchte erst einmal einen Parkplatz, um zu einem Geldautomaten gehen zu können. Vorher hatte ich einen Parkplatz gehabt, dort durfte ich 1 Stunde stehen und dann innerhalb 1 Stunde nicht wieder dahin zurückkehren.

Das kenne ich ja schon von meinen England-Touren. Das macht man da auch mal ganz gerne. Dann kann man 1 Stunde zum Beispiel parken und darf sich dann in den nächsten 1 bis 2 Stunden dort nicht wieder sehen lassen. Da hilft es dann auch nicht, zu glauben, daß man mal kurz um den Block fahren und sich dann wieder dorthin stellen kann.

Wie genau sie es kontrollieren weiß ich auch nicht. Im Gegensatz zu England habe ich hier in Irland noch keine Parkkontrolleure gesehen. Aber wie auch im vereinigten Königreich findet man hier überall Schilder, auf denen CCTV steht, also Videokamera-Überwachung. Aber dann haben sie ehrlich gesagt verdammt gut versteckte Kameras. Weil, so viele sind mir noch nicht aufgefallen.

Ich gehe am River Foyle entlang zur Peace Bridge. Die ist nur für Fußgänger. Da werde ich mal rübergehen und wieder zurück. Danach werde ich mir Derry ansehen. Ich bleibe jetzt bei Derry, denn ich bin auf einer Irland-Tour und da interessiert es mich jetzt nicht mehr, daß die Briten Londonderry sagen. Für mich ist es Derry.



Derry, Peace Wall Derry, Entering Free Derry Derry, Murial Derry, Murial Irgendwie ist es ein bisschen komisch hier. Man mag nicht mehr so richtig gerne fotografieren. Weil man auch nicht weiß, was irgendjemand denkt, wenn man ein Schild, auf dem zum Beispiel FREE DERRY steht, fotografiert.

Genauer gesagt steht auf dem Schild "Sie betreten jetzt das freie Derry. Die britische Regierung hat hier kein Recht, hatte auch noch nie Recht, kann niemals irgendein Recht haben." Ich will ja nur ein harmloses Foto machen, kein politisches Statement abgeben.

Es ist ein bisschen schwierig hier, seinen Müll loszuwerden.

Ich war in einer Einkaufspassage und hatte Lust auf einen Milchshake, nachdem ich schon bei McDonald's war. Ein richtiger Milchshake aus Vanilleeis und Milch. Hat echt lecker geschmeckt und gut getan. Bei McDonald's, sowohl in der Republik Irland als auch in Nordirland, hat man irgendwie ein Problem mit seinem Öl. Entweder ist es ein beschissenes Öl oder es ist einfach schon zu alt. Aber die Pommes haben einen komischen Nachgeschmack. Die Cola schmeckt auch anders. So viel zum Thema "Schmeckt überall gleich". Das ist einfach mal Bullshit.

Davor war ich in einem Laden für große Größen. Ich kaufte mir für £8 ein dunkelblaues T-Shirt in Größe 7XL. Warum? Es soll zum drüber ziehen sein.

Ich war auf der Suche nach einem dünnen Pullover. Den gab es aber nicht und ein T-Shirt mit langen Armen auch nicht. Nun habe ich genügend T-Shirts in meiner Größe, aber zwei davon übereinander zu ziehen ist auch schlecht. Jetzt habe ich dieses T-Shirt über meinem gelben T-Shirt und meinem Hemd. Es ist herrlich. Ich friere nicht und ich schwitze nicht.

Ok, es gibt Leute, die schauen, was der Typ da an hat. Das ist mir aber egal. Da es mir so nicht zu heiß ist und nicht zu kalt.

Ich mache mich wieder auf dem Weg zum Auto. Denn so viel mehr hat Derry für mich jetzt nicht zu bieten.

Ich habe mal so einen Menschen gefragt, der hier das parken der Autos kontrolliert. Warum denn überall diese Höhenbarrieren sind. Und er meinte, daß man damit verhindern wolle, daß die Menschen über Nacht auf dem Parkplatz schlafen.

Und ich antwortete, daß ich dann tagsüber mit meinem Auto keinen Parkplatz finden würde. Ich würde dort ja nicht einmal schlafen wollen, sondern nur parken. Und er meinte, das wäre eine Sache des Councils.

Immerhin stützt es meine Theorie, Wohnmobile weghalten zu wollen. Man könnte es auch ganz anders machen. Du machst da ein Schild hin mit "No overnight sleeping" oder "No camping" und setzt das im Zweifel auch durch. Wenn es einem wirklich darum gehen würde. Aber in jeden Fall werde ich ausgeschlossen vom parken, selbst gegen Geld. Und habe Probleme, mir eine Stadt ansehen zu können. Und allen anderen Wohnmobilisten geht es genauso.

Immerhin bringt man Geld in die Stadt durch Verzehr von Speisen oder dem Kauf von Waren. Das ist auch eine Art von Diskriminierung.



Mich hat es komplett zerlegt. Ich habe mich um 19:00 Uhr kurz hingelegt. Ich wollte mich nur für eine halbe Stunde hinlegen. Es wurde dann etwas später, genauer gesagt 22:45 Uhr.

Wahrscheinlich hat mich die Tour am Morgen so dermaßen mitgenommen. Ich hatte Kopfschmerzen. Es fühlt sich an als hätte ich stundenlang im Sturm gestanden. Und im Prinzip habe ich das ja auch.

Ich habe erst einmal gepennt und jetzt sitze ich hier rum und weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Es ist nicht gerade warm. Ich hatte jetzt aber auch eine ganze Zeit die Dachluke oben auf.


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