So, 8.5.2016 • Tag 2: Maulcomble  ➟  Cherbourg


"Dünnpfiff am Morgen bereitet Kummer und Sorgen"

- Deutscher Freiheitscamper, 2016



Leichter Brandgeruch am Morgen. Ich bin mal wieder darauf reingefallen, daß der blöde 12V-Stromverteiler es überhaupt nicht mag, wenn man neben der Armaturenbrettkamera auch noch das Ladegerät für den Laptop dranhängt. Mal sehen, ob ich den jetzt gehimmelt habe. Da hat jedenfalls plastikmäßig irgendwas geschmort.



Nannte ich bislang die Norweger Norwegelagerer so toppen die Franzacken das ganze noch. Ich habe an Maut- und Brückengebühren bis hierher 42,50€ bezahlt. Das ist mehr als auf der ganzen SWE-NO Tour 2014 zusammen. Ein günstiges Vergnügen.



10:58 klingelt mein Telefon. Ich gehe aber nicht ran und denke nur so: "Hääh?". Die Nummer war mir nicht bekannt. Meine Eltern konnten das nicht sein. Die wechseln zwar ständig ihre Prepaid-Karten und ich habe selten die aktuellen Nummern, aber die waren es nicht.

Arbeit auch nicht, nicht am Sonntag. Polizei? Möglich. Schon mehrfach wurde in meine Autos eingebrochen. Einmal sogar rief mich die Polizei auf dem Handy an, weil einem Paar zwei Fahrräder vom Fahrradträger geklaut worden waren und als sie es bemerkten fuhr ich gerade vorbei. Daraufhin nahmen sie die Verfolgung auf, parkten ihr Auto etwas weiter vorne auf dem Parkstreifen und meldeten mein Kennzeichen bei der Polizei. Und die rief mich an.

Ich hatte die Verfolgung und die argwöhnischen Blicke der beiden wohl bemerkt als ich mein Fahrzeug abstellte und zu meinem Arzttermin an ihnen vorbeiging. Hatte mir aber nichts dabei gedacht. Natürlich hatte ich die Räder nicht geklaut. Aber vielleicht hatte man von der Aktion noch meine Nummer.

Aber da so ein Anruf, wenn man nicht weiß, wer das war, einem ganz schön den Tag versauen kann, von wegen Ungewißheit und so, beschloß ich nach einer halben Stunde, Geld zu investieren und es auf die erhöhten Gebühren ankommen zu lassen.

Es dauerte bis jemand abnahm. Dann wünschte derjenige am anderen Ende Christian alles Gute zum Geburtstag. Ich meinte nur: "Falsche Nummer!" Er: "Nein, nein! Die Nummer ist schon richtig, Christian!" Ich: "Nein, SIE haben die falsche Nummer! Hören Sie auf, mich anzurufen!"

Dieser Christian, dessen alte Nummer ich 2012 offensichtlich als meine neue Mobilnummer bekommen habe, scheint ein umtriebiger Mensch zu sein. Ich hatte schon mal jemanden auf der Mailbox, der ein Projekt ändern wollte. Ein anderes Mal wurde mir von einem Autohaus mitgeteilt, daß die Winterreifen bereitliegen würden. Und der Höhepunkt war, als ich auf der Mailbox hörte, daß mein Sohn in München vor dem Kindergarten auf mich warten würde.

Ich hatte auch schon SMS bekommen, in denen Christian zur Zahlung der Schulden aufgefordert wurde, ansonsten drohe ein Schufa-Eintrag. Aber schön, daß nach vier Jahren mal wieder einer an ihn denkt und zum Geburtstag anruft.



Es sind noch 60 Kilometer bis zur Fähre. Es ist jetzt 11:20. Die Fähre geht um 15:00. Also alles entspannt. Ich werde nicht mehr in die Stadt fahren, sondern direkt zum Hafen und die Eincheck- und Zollprozedur hinter mich bringen.

In der Wartezeit kann ich mir den Rest meiner Mini-Frikadellen auf dem Gaskocher warmmachen und mich um den Wackelkontakt in der Stromversorgung der Kamera kümmern, die aus dem Beifahrerfenster schräg nach hinten schießt und deren Bild ich auf einem kleinen Monitor auf dem Armaturenbrett sehe. Da ich solo unterwegs bin sehe ich als Linkslenker in einem Rechtslenkerland sonst nicht viel von dem, was auf meiner Beifahrerseite passiert. Und da soll mir die Kamera helfen.

Bei meiner England/Schottland-Tour 2013 wäre mir fast einer in die Seite gekracht, weil ich nur das Fenster runterkurbeln und horchen konnte, ob ein Auto kam. Das ist auf Dauer zu gefährlich.



Ich war um kurz nach 12 bei der Fähre. Allerdings waren die Tore der Eincheckschalter noch verschlossen. Einige Fahrzeuge standen schon davor. So hatte ich aber noch Zeit, ein paar Utensilien in den Rucksack zu packen, die ich für die Überfahrt gebrauchen konnte. Decke, was zu essen, Wasser, Laptop.

Aber als die Tore dann aufgingen. Unglaublich, was für eine Hektik losbrach. Als wolle jeder der erste sein. Da wird dann auch schon mal der Vordermann überholt, wenn der nicht schnell genug ist.



Nach der Eincheckstation für die Tickets wird man dann in 5er-Reihen nebeneinander aufgestellt. Dann kommt die Polizei und guckt kurz ins Auto, ob man gefährliche Güter dabei hat.

Blöderweise müssen die 5 Reihen dann durch eine Öffnung im Zaun, durch die immer nur ein Auto paßt. Das ist für einige anscheinend sehr stressig und so mancher zeigt sich von seiner rücksichtslosen Seite.

Kurz darauf steht man vor der Passkontrolle. Da guckt einer kurz drauf, ob man gesucht wird oder sich sonstwie etwas hat zu Schulden kommen lassen. Dann darf man weiter, nicht ohne von dem Polizisten mit "Tschüss" verabschiedet zu werden. Auf zwei Spuren, die aber recht bald wieder zu einer Spur werden.

Aber man kommt nicht weit. Wieder warten. Der Boarding Pass muß gescannt werden. Ist ja klar. Vielleicht hat einer der Mitreisenden es sich nach all der ganzen Wartezeit anders überlegt, ist ausgestiegen und geht jetzt zu Fuß wieder nach Hause.

Es hat bislang bei keiner Fähre so lange gedauert wie hier. Ich weiß nicht, ob das ein Stena Line-Problem ist oder generell ein Cherbourg-Problem.



Einige LKW fahren mit ihrem Anhänger rückwärts auf die Fähre. Hmmm...



Auf dem Parkdeck, auf dem es unfaßbar nach Scheiße stank, mußte man das Fahrzeug wenden und entgegen der Einfahrtrichtung abstellen. Das erklärt dann auch die Aktion mit den LKW. Das Deck sieht aus als hätte man Vieh ohne Anhänger direkt auf dem Stahl transportiert.



Die "Ruhe"-Sessel der Stena Horizon Ich habe meinen "Ruhe"-Sessel bezogen. Mal sehen, was das wird. Gerade fällt eine Horde Italiener laustark ein und beansprucht ungefähr 20 Sitze.

Es scheint, als würden einige der Passagiere die reservierten Plätze als Aufenthaltsbereich ansehen. Klar, es läuft ja auch ein Fernseher und ungefähr 100 Sitze stehen da wie im Kino.

Immerhin ist der Franzose hinter mir gerade weg. Das gibt noch Ärger wenn der weiterhin gegen die Lehne haut. Er macht Geräusche beim Essen. Und er isst viel und häufig.



Mein Hintermann hat sich umgesetzt. Sehr gut. Mein blöder Husten nervt. Ich wollte soetwas wie Hustenbonbons im Shop kaufen. Aber das kann man vergessen.

1 m² für Parfum, 1 m² für "irische" Souveniers und für Süßes ist die Auswahl ziemlich mager. Salziges oder Alkoholisches sucht man vergebens.



21:00. Wir nähern uns zwar Irland, aber die Crew der neuen Schicht macht ihre penistranten Lautsprecherdurchsagen konsequent auf Französisch.

Die Schicht davor hat wenigstens noch versucht (wenn auch unverständlich), Französisch und Englisch durchzusagen. Das Schiff ist beheimatet im italienischen Bari und es wirkt auch italienisch. Hinweisschilder auf Italienisch.

Die Begrüßung des Kapitäns klang wie Italienisch mit starkem englischen Akzent. Hoffentlich legt er die Fähre nicht noch vor irgendeiner Insel auf die Seite.



Ich hatte im Shop zugeschlagen und mir später an einem der Automaten, auf denen zu lesen war, welche englischen Münzen sie annehmen, 2 Tüten Crisps (wir nennen sie Chips) á 1,50€ gekauft. Teuer.

Eine Halbliterflasche Wasser würde 2,50€ kosten. Ich habe im Auto 45 Liter Mineralwasser und über 30 Liter Leitungswasser, komme aber nicht dran. Zu dumm. Meine 1,5 Liter-Flasche ist inzwischen leer, aber der Wasserhahn gibt ja gerne.


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